Eine erste systematische Erkundung der Megalithen in Zentralsulawesi geht auf den schwedischen Zoologen Walter Kaudern (1881-1942) zurück. Kaudern hatte sich neben der Zoologie ein breites Wissen der Geologie, Botanik und Geografie angeeignet, sodass er 1928 zunächst zum Kurator der geologischen und mineralogischen Sammlung, vier Jahre später zum Direktor des Göteborger Museums ernannt wurde. Während seiner frühen Expeditionen, die ihn nach Madagaskar führten, war ferner ein großes Interesse an der Ethnografie und an der Sammlung ethnografischer Gegenstände erwachsen. Im Dezember 1916 brach Kaudern gemeinsam mit seiner Frau Teres und seinen beiden Kindern zur Insel Celebes (Sulawesi/Indonesien) auf mit dem Ziel, das weitgehend unerforschte Zentralsulawesi in zoologischer, geografischer und ethnografischer Hinsicht zu erkunden. Eine Reihe von dabei erworbenen Objekten befinden sich heute im Museum Göteburg, die Ergebnisse wurden in sechs Bänden der Reihe „Ethnographical Studies in Celebes“ veröffentlicht.

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Steinstele von Watutau im Napu-Tal (Foto: A. Grubauer 1913)

Die Vulkaninsel Sulawesi, die viertgrößte Insel des indonesischen Archipels, weist große landschaftliche Kontraste zwischen dem weitläufig bewaldeten Hochland im Inselinneren und dem aufgrund der sehr unregelmäßigen Inselgestalt stark gegliederten Küstenverlauf auf. Diese Gegensätze haben zu einer sehr unterschiedlichen  Besiedlungsgeschichte und Landschaftsnutzung zwischen Küstenbewohnern (Bugis) und Bewohnern des Inselinneren (Toraja) geführt. Während die Küste über den Seehandel schon immer Teil der indopazifischen Kontaktzone bildete, entwickelte sich im Hochland eine eigenständige kulturelle Enklave. Berüchtigte Praktiken wie die Kopfjagd wirkten bis in die Kolonialzeit einer Überprägung von außen entgegen.

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Kartierung von Megalithstandorten in Zentralsulawesi (Kaudern 1938)

Besonders das überlieferte Totenbrauchtum, eine reichhaltige Kultur an Schmuck, Geräten und Waffen und nicht zuletzt eine ungewöhnliche Architektur haben schon früh ethnografische Nachforschungen in Zentralsulawesi angeregt. Durch den holländischen Missionar Albertus Christian Kruyt oder den deutschen Reisenden Alfred Grubauer wurden nebenbei auch ältere überlieferte Zeugnisse einer menschlichen Besiedlung bemerkt, die vornehmlich aus steinernen, mit menschlichen Gesichtern versehenen Stelen und ornamental verzierten Steinbecken (englisch: vats) bestanden.

So schrieb Grubauer im Jahr 1913: „Die größte Merkwürdigkeit des Hauptdorfes Watutau war ein uraltes rätselhaftes Steinbildnis. Es stand ziemlich im Mittelpunkte des Dorfes, das nach ihm seinen Namen erhalten hat (= Steinmensch, watu = Stein, tau = Mensch). In rohen Umrissen zeigte der gegen 1 ½ m hohe Granitblock die Formen einer hockenden menschlichen Figur. Über die Entstehung und Herkunft dieser seltsamen Skulptur, der eine gewisse Ähnlichkeit mit verwandten, in Java und Sumatra vorkommenden Monolithen nicht abzusprechen ist, wußte mir niemand das geringste anzugeben. Der Stein wird von den Eingeborenen zwar nicht gerade göttlich verehrt, übt aber dennoch einen starken übersinnlichen Einfluß auf sie aus, so daß besonders häufig Frauen hierher kommen, um dem Bildnis ihre Kümmernisse anzuvertrauen und Sirihopfer darzubringen“.

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Ausgehöhltes Steinbecken in der Nähe von Mopahi (Kaudern 1938)

Diese Relikte waren so zahlreich, dass Kaudern während seines Aufenthalts in den Jahren 1917 bis 1920 mit einem systematischen Verzeichnis begann, ohne dass diese zeitlich präzise zu bestimmen oder einer der bekannten Kulturen zuzuordnen waren. Allenfalls ließ sich eine entfernte Verwandtschaft zu anderen Steinbildnissen der über den malaiischen Archipel weit verbreiteten Megalithik und sogar bis zur Osterinsel oder nach Turkestan feststellen.

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Kaudern unterschied folgende Typen von Megalithen:

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  1. Schälchensteine

  2. flache Steine mit kreisförmiger Rillung

  3. Mahlsteine

  4. kastenförmig oder gefäßartig ausgehöhlte Steine (vats), teils mit figürlicher oder ornamentaler Verzierung und separaten Deckelsteinen

  5. anthropomorphe Menhire/Statuen und Gesichtsdarstellungen

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W. Kaudern mit Schädeln des in Sulawesi endemischen Hirschebers (Naturhistorisches Museum Göteborg)

Während Mahlsteine Gerätschaften bilden, die bis in die jüngste Vergangenheit Verwendung als Reismühlen fanden, gehören die ornamental verzierten Steinbecken und die figürlichen Steinstelen sicherlich zu den eindrucksvollsten und symbolhaltigsten Objekten. Am unklarsten blieb allerdings deren Datierung: Während etwa Steinkreise bei den südlicher wohnenden Toraja bis heute bei Ritualen in Benutzung sind, schlugen Kauderns Versuche, den Ursprung der megalithischen Kultur der Lore-Lindu-Region über die Befragung der ansässigen Bevölkerung zu klären, fehl. Dem Zeitgeist gemäß zog Kaudern zwischen Archäologie und Ethnografie noch keine scharfe Trennung. Offenbar schien ihm aufgrund der Unkenntnis der protohistorischen Besiedlung ein besonders hohes Alter nicht denkbar. Andererseits stand dieses Vorgehen sicherlich unter dem Eindruck der in den Jahren 1913–1915 durchgeführten Expedition von Katherine Scoresby Routledge und ihrem Mann auf die Osterinsel: Aufgrund eines exzellenten Informanten konnten zahlreiche mündliche Überlieferungen zu religiösen Vorstellungen und Riten der Rapanui dokumentiert werden, bevor diese wenig später für immer verloren gingen. Nach diesen spielten megalithische Anlagen wie die berühmten Ritualplätze (image ahu) mit Steinstatuen (moais) eine bedeutende Rolle in der Ahnenverehrung, im Totenkult, aber auch für die Raumstruktur.

Kaudern schloss den Band „The Megalithic finds in Celebes“ skeptisch mit den Worten: „Gegenwärtig ist es nicht angebracht, weitreichende Schlüsse über den Ursprung der seltsamen Steinobjekte zu ziehen.“

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Literatur

Grubauer, A. 1913: Unter Kopfjägern in Central-Celebes. Ethnologische Streifzüge in Südost- und Central-Celebes. Leipzig 1913.

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Kaudern, W. 1938: Megalithic finds in Central Celebes. Ethnographical Studies in Celebes, Vol. V, Göteborg 1938.

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Lindberg, C. 2006: A Swedish ethnographer in Sulawesi: Walter Kaudern. Histories of Anthropology Annual, Vol. 2, 2006, 264–272.

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